Georg Harald Geyer
* Annaberg 24. März 1943 † Würzburg 18. August 2026
Wenn niemand am Grab steht
Heute Morgen standen wir auf dem Waldfriedhof an einem Grab. Ein Diakon, eine Mitarbeiterin der Kirchengemeinde und die Menschen vom Bestattungsdienst.
Mehr waren wir nicht.
Wir kannten den Mann nicht, den wir beerdigten. Wir wussten nichts von seinem Leben, von den Menschen, die ihm einmal wichtig waren, von dem, worüber er lachen konnte, was ihm Sorgen machte oder was er sich für sein Leben erhofft hatte. Wir wussten nicht, wer ihn vermisst.
Es war eine Beerdigung von Amts wegen. Ein Mensch ist gestorben, ohne dass Angehörige da waren, die seine Beerdigung hätten begleiten können.
Und plötzlich bekommt dieser etwas nüchterne Ausdruck „von Amts wegen“ ein Gesicht.
Da liegt ein Mensch, der mehr als achtzig Jahre auf dieser Welt gelebt hat. Mehr als achtzig Jahre Leben – und am Ende stehen nur wenige Menschen an seinem Grab, die ihn nicht gekannt haben.
Das ist traurig. Und es ist eine Realität, die es in unserer Gesellschaft gibt. Menschen leben allein. Kontakte brechen ab. Familien gibt es nicht mehr oder sie sind weit weg. Freundschaften verschwinden. Und manchmal stirbt ein Mensch, ohne dass jemand da ist, der seine Geschichte erzählen kann.
Aber ganz allein war dieser Mann an diesem Morgen trotzdem nicht.
Wir haben seinen Namen gesagt. Wir haben für ihn gebetet. Wir haben gesungen. Wir haben ihn der Erde anvertraut und Gott anvertraut.
Vielleicht ist genau das eine der stillsten und zugleich stärksten Aufgaben von Kirche: Da zu sein, wenn sonst niemand da ist.
Sein Leben war wertvoll. Dazu müssen wir ihn auch nicht kennen.
Der christliche Glaube behauptet etwas ziemlich Kühnes: Ein Mensch ist nicht erst deshalb von Bedeutung, weil andere Menschen ihn lieben, sich an ihn erinnern oder an seinem Grab stehen. Seine Würde hängt nicht davon ab, wie viele Menschen zu seiner Beerdigung kommen.
Bei Gott ist er gekannt.
Und so war dieses kleine Grab auf dem Waldfriedhof heute auch ein Zeichen der Auferstehungshoffnung. Gegen die Einsamkeit. Gegen das Vergessen. Gegen die Vorstellung, ein Menschenleben könne irgendwann einfach verschwinden, weil niemand mehr da ist, der davon erzählt.
Wir konnten heute keine Geschichten über diesen Mann erzählen.
Aber wir konnten seinen Namen nennen.
Und vielleicht war genau das heute unsere Aufgabe: zu bezeugen, dass kein Mensch namenlos aus dieser Welt gehen soll.
Verfasst von: Inge Wollschläger