© Bild:

von Rainer Liepold

Was ich von einem alten Hasen lerne

Gottergeben leben und sterben; Du kannst an Deiner Jugend, Deiner Gesundheit und Deinem Besitz nicht dauerhaft festhalten. Das weiß ich eigentlich.

Als Seelsorger in einem Pflegezentrum erlebe ich, dass Menschen noch bevor sie sterben so Viel loslassen müssen: Manche Bewohnerinnen und Bewohner mussten Häuser verlassen, in denen sie glücklich waren und die sie sich mit Fleiß und Mühe erarbeitet haben. Andere mussten Menschen loslassen, die ein Teil Ihres Lebens waren. Viele müssen laufend ein bisschen mehr von ihrer Gesundheit und ihrer Selbständigkeit Abschied nehmen.

Am Ende können wir auch unser Leben nicht festhalten.

Ich erlebe jedoch im Pflegezentrum immer wieder Menschen, die damit beeindruckend gelassen umgehen können.

Oft sind es nicht die Grübler, nicht die diejenigen, die scharf nachdenken, die sich als Meisterinnen und Meister des Loslassens erweisen. Es sind die Entspannten!

Entspannt zu sein, das ist nämlich das Gegenteil von „Um-jeden-Preis-Festhalten-Wollen“.

Mein Lieblingslehrer in Sachen „entspannt loslassen“ ist allerdings ein alter Hase. Damit meine ich aber nicht einen lebenserfahrenen Menschen, den ich als „alten Hasen“ bezeichnen würde, sondern einen echten alten Hasen. Über diesem Artikel sehen sie ein Foto von ihm.

Der Hase hatte den ehrwürdigen Namen "Sir Henry". Er hat mich viele Jahre lang begleitet. Bei uns im Wohnzimmer hatte er seinen Stall. Eine Hasenklappe führte raus in den Garten, wo er tagsüber dann meistens war. Er ist ziemlich alt geworden: Zwölf Hasenjahre. In Menschenjahre umgerechnet sind das etwa 90 Jahre. Und er war ein cooler Hase bis zum letzten Atemzug!

Am Ende war er blind. Erst auf einem Auge, dann auf beiden. Aber er ist weiter in den Garten gehoppelt. Er konnte sich mit dem Geruchsinn orientieren. Er hat seine Lieblingsorte weiter gefunden. Er hat sich gerne unter den Rosenbusch gelegt oder unter den Lavendel.

Bis zum letzten Atemzug hat er entspannt und sorglos auf mich gewirkt. Er hat den Garten genossen. Dass es dort manchmal auch Krähen und Katzen gibt, das hat er am irgendwann nicht mehr sehen können.

Er war dann ganz und gar sorglos!

So würde ich auch gerne mal gehen. Sorglos. Wie ein entspannter alter Hase...

Aber weil ich ein Mensch bin, füge ich noch an: Ich möchte „gottergeben“ gehen. „Gottergeben“ – das ist so ein Wort, das fast aus unserem Sprachgebrauch verschwunden ist. Dabei ist es so ein schönes und starkes Wort.

Ich möchte gottergeben gehen. Das heißt: Mich in Gottes Gottsein ergeben und damit aufgeben, mich zu ängstigen und zu kämpfen. Ich möchte mich angstfrei hineinbegeben in eine andere Wirklichkeit. Nicht verzweifelt festhalten, sondern mich entspannt hingeben.

„Gottergeben“ zu werden, das ist für einen denkenden Menschen gar nicht so leicht. Doch mein alter Hase hat mich da eine Lektion gelehrt!

Ihr

Rainer Liepold