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von Rainer Liepold

Ein Herbstgebet

Für alle, die manchmal über die Stunde ihres Todes nachdenken.

Der letzte Tag im Oktober. Ich liege auf den sonnenwarmen Planken eines Stegs. Unter mit treiben Blätter im Teich. Wenn ich mir die Zeit gönne, ihren Weg zu verfolgen, dann sehe ich irgendwann, wie sie langsam herabsinken. Gen Grund. In die tieferen Schichten, dortin, wo es trübe ist. Aber die Blätter fügen sich in dieses Schicksal.

Werde ich mich auch fügen in mein Schicksal? Wenn ich dann eines Tages erdschwer werde?

In diesem Moment glaube ich: Ja! Ja, ich will und ich werde in Frieden gehen.

Die Sonne auf dem Steg macht mir diesen Gedanken leicht. Aber vielleicht wird es am Ende nicht leicht sein? Wer von uns weiß schon, wie sein oder ihr Ende sein wird?

Ich bete.

Gott des Lebens, Gott meines Lebens,

so wie die Blätter in diesem Teich kampflos und friedlich gen Grund sinken, so lasse auch mich eines Tages gehen: Innerlich bereit, vertrauensvoll, ohne Aufbegehren.

Gott aller Zeiten, Gott meiner Zeit,

so wie die Blätter den Frühlung, den Sommer und einen sonnigen, langen Herbst erlebt haben, so segne auch mich und die, die ich liebe, mit einem an Zeit erfüllten Leben.

Gott aller Räume, sei Du da: Jetzt, morgen, in der Stunde meines Todes und in alle Ewigkeit.
Amen.